Yamaha und die Geschichte der Wittwenmacherin

„Neben der Leistung einer Maschine zählt für uns in erster Linie ihre Fähigkeit, Emotionen zu wecken … Denn ohne Emotionen ist ein Motorrad eine bloße Maschine, ein technisches Gerät.“

Diese Sätze stammen von Yamaha. Einer Firma, die 1898 gegründet Musikinstrumente herstellte. Emotionen sind bis heute ein ganz wichtiger Punkt in der Firmenphilosophie von Yamaha. Musik und Emotionen sind unweigerlich miteinander verbunden. Wir Biker wissen: Motorradfahren und Emotionen auch. So ist es eigentlich dann irgendwo doch nicht verwunderlich, dass der Musikinstrumente-Hersteller in den 1950er Jahren in den Motorsport einstieg.

„Neben leistungssteigernden Maßnahmen dachte Yamaha schon früh darüber nach, wie man ein Motorrad in Kurven schneller machen konnte als die Wettbewerber … Dank der sorgfältigen Abstimmungen von Motor und Chassis zu einer harmonischen Einheit wurde ein Motorrad geschaffen, das ungewöhlich präzise auf die Befehle des Fahrers reagiert.“

Vor 17 Jahren hat Yamaha die erste YZF-R1 auf den Markt gebracht. Die Maschine war damals sowohl von der Leistung als auch vom Design her ein Meilenstein. Sie wirkte viel kleiner und kompakter, als die anderen Supersportler seinerzeit auf dem Markt. Dieses Novum barg aber auch die nachteilige Tatsache, dass die Maschine ab einem bestimmten Drehmoment regelrecht ausbrach. Schwere Stürze durch Highsider, wegrutschende Hinterräder und eine ihr nachgesagte schwere Beherrschbarkeit brachten ihr den Namen „Witwenmacherin“ ein.

Yamaha überarbeitete daraufhin das Bike – insbesondere die Gasannahme. Die Unfallrate ging zurück. Jede neue Baureihe knüpfte in der Weiterentwicklung an den Vorgänger an. Stetige Verbesserung am Handling und der Feinabstimmung. So schnell wie der Rennsport ansich, verändert sich schließlich auch die Entwicklung im Supersport-Bereich. Yamaha versuchte immer schon einen Schritt weiter zu denken.

2004 ein weiterer Meilenstein: Der Durchbruch beim Leistungsgewicht von 1:1. 172 PS kommen auf 172 Kilo Trockengewicht. Verbesserungen des Rahmens stehen an. Geradliniger soll er werden. Mit erhöhter Steifigkeit. Der Einfluss der Moto GP wird immer stärker erkennbar.

2009 folgt wieder ein Meilenstein: Komplett überarbeitet mit einem avantgardistischen Motor mit ungleichmäßiger Zündfolge. Eine Technik, die aus der MotoGP kommt und seinerzeit speziell für die M1 von Valentino Rossi entwickelt wurde. Diese Technik verbesserte maßgeblich die Traktion und die Fahrbarkeit.

Mittlerweile sind wir im Jahr 2015 angekommen. Und wieder ist von einem Meilenstein die Rede. Denn anders als in den Vorjahren hat Yamaha sich bei dieser neuen R1 dazu entschieden, die Weiterentwicklung nicht auf dem Vorgängermodell aufzubauen, sondern sich an der MotoGP-Version zu orientieren. Diese R1 ist sozusagen die Straßenversion von Herrn Rossis „Arbeitsgerät“.

Ich habe ja schon einiges über sie gelesen. Die technischen Daten sind beeidruckend, das Herz treffen sie aber natürlich nicht. Dafür muss man fühlen und das geht nur, wenn man sie fährt. Da wären wir also wieder bei den Emmotionen.

Die Yamaha Deutschland R-Series Trackdays 2015 starten diese Woche mit der ersten Veranstaltung auf dem Nürburgring. Hier hat der Otto-Normal-Verbraucher die Möglichkeit, diese herausragende Lady kennen zu lernen und eine Probefahrt mit ihr zu machen. Angeleitet von kundigen Instruktoren und versorgt mit feinstem Fachwissen. Eine tolle Gelegenheit, die ich auch sehr sehr gerne genutzt hätte.

Zeitlich war es mir aber leider nicht möglich, mich hierfür anzumelden. Die neue R1 entgehen lassen wollte ich mir aber auch nicht. Also habe ich kurzerhand einfach mal unseren Yamaha-Händler des Vertrauens angerufen (hier sind wir seit Jahren mit unseren Bikes gut beraten) und ihn gefragt, ob er die neue R1 da hat. Hat er. Wie es denn aussieht, wenn man die mal Probefahren möchte. „Gut, sag nur vorher Bescheid, wann Du kommen magst, nicht dass sie gerade unterwegs ist.“ Oh! Wie geil ist das denn bitte, hab ich mir gedacht.

Tja und letzte Woche war es dann soweit. Ehrfürchtig aufgeregt fanden wir uns also letzten Mittwoch um 14 Uhr in Nauheim beim Motorradhaus Stocksiefen ein.

Ich fahre ja eine R1 der ersten Stunde. Da meine Lady aber nicht mehr originalfarben ist und ich die Hoffnung hatte, das rot-weiße Modell fahren zu dürfen, habe ich in weiser Vorraussicht meine liebe Schwägerin gefragt, ob ich Ihre Maschine mitnehmen darf. Sie hat sich vor kurzem von uns anstecken lassen und sich ebenfalls eine RN01 gekauft B-) . Ein wunderschönes Stück, quasi unverbastelt und in rot-weißer Originallackierung. Volltreffer.

Nach einer kurzen Einweisung musste ich erstmal realisieren, dass ich sie gleich wirklich fahren würde. Ein wenig Vorsicht war geboten, die junge Lady hatte gerade mal 275 Kilometer auf dem digitalen Tacho.

Der Tacho … jaaaaaa … öhm … ok … Da steht wirklich eine Menge drin. Neben einer digitalen Drehzahlanzeige die die Farbe ändert, der Geschwindigkeitsanzeige und den üblichen Lampen für z.B. Tankanzeige, Blinker, Licht, ABS und Neutralschaltung, kommen da eine Anzeige für Außentemperatur, Motortemperatur und Reifentemperatur daher, sowie eine Anzeige, die eine Art G-Belastung anzeigt, wenn man Gas gibt oder bremst. Dazu natürlich die Anzeige für die verschiedenen Modi, die man einstellen kann.

Tacho Yamaha r1

Leider hatten wir das Bike „nur“ anderthalb Stunden, damit hatten wir keine Zeit, uns mit den verschiedenen Modi weiter auseinander zu setzen. Sicher würde dafür auch ein ganzes Wochenende drauf gehen, um alle Einzelheiten genau zu studieren.

Fakt ist, man kann hier einfach alles einstellen. Die Maschine verfügt über einen dreidimensional arbeitenden Sensorcluster mit einstellbarer Traktions- und Slide-Kontrolle, Wheelie-Kontrolle und Launch-Kontrolle. Ob Regen, Sonne, die Apokalypse, das Bike ist quasi an jede Fahrsituation anpassbar.

Dann ging es los. Fahrtechnisch weiß ich gar nicht, ob ich die richtigen Worte für dieses Bike finden kann. Ich sag’s mal so: Das Gefühl, als Du 6 Jahre alt warst und Mary Poppins Dein Kindermädchen wurde, gepaart mit dem Gefühl bei Deinem ersten Mal, oder so ähnlich. Pervers geil halt eben.

Ich habe mich echt bemüht, sanft mit dem Gashahn umzugehen, denn dieser verlangt echtes Feingefühl. Es ist mir in den anderthalb Stunden eher mittelmäßig gelungen. Hier reichen wirklich minimalste Bewegungen, denn die Maschine reagiert unglaublich „fein“.

Ein gesunder Knieschluss, mit dem man den Tank „unklammert“, ist auch zu empfehlen, denn wenn Du einen Ticken zu doll Gas gibst, zieht sie dich gnadenlos vom Sitz. Sie marschiert einfach vorwärts, ob mit oder ohne Dich im Sattel.

Trotz diesem wahnsinns Vorwärtsdrang und dem Bewusstsein, dass man da eine echte Waffe unterm Hintern hat, wirkt sie unglaublich leicht, als wäre sie komplett aus Alu oder Carbon. Aber nicht etwa billig. Man spürt sie überhaupt nicht.

Sicher ist das auch den ganzen elektronischen Helfern geschuldet, die den Fahrer unterstützen. Beim Aufsitzen war ich skeptisch und habe befürchtet, dass die Elektronik einen „des Fahrgefühls“ oder der „Selbstbestimmtheit“ beraubt. Aber das ist keineswegs der Fall. Ehrlich gesagt bin ich im Nachhinein sogar sehr froh, dass man die elektronische Unterstützung im Bike hat. Das gibt einem beim Fahren ganz andere Möglichkeiten.

Würde ich bei meiner R1 zu unbedacht am Gas zerren, würde sie mir ganz schnell zeigen, was sie davon hält. Bei der neuen R1 greift der dreidimensional arbeitende Sensorcluster und regelt das. Unbemerkt und sehr dezent. Japanisch eben.

Das bringt mich zu den Bremsen. Hier kann man ordentlich zulangen, denn auch das regelt die Maschine ebenfalls mit japanisch dezenter Eleganz. Sie steuert z.B. automatisch die Hinterradbremse hinzu, wenn man vorne zu hart reinlangt. Aber auch davon bekommt der Fahrer nicht wirklich etwas mit.

Das einzige, was hier am Ende übrig bleibt, ist pure Emotion durch Fahrspaß. Ein unglaublich tolles Gefühl, das mich wieder an Yamahas Firmenphilosophie erinnert und mich zu dem Fazit kommen lässt – Mission erfüllt.

Als kleiner Abschluss hier noch die technischen Daten in der Gegenüberstellung für meine Datenjunkies 🙂 :

Yamaha YZF R1 ABS Yamaha YZF R1 RN01
Motortyp Flüssigkeitsgekühlt, 4-Takt, DOHC, Nach vorn geneigter Reihen-4-Zylinder, 4 Ventile Flüssigkeitsgekühlt, 4-Takt, DOHC, Nach vorn geneigter Reihen-4-Zylinder, 4 Ventile
Hubraum 998 ccm 998 ccm
Leistung 147,1 kW (200,0PS) bei 13.500 /min 110 kW (150,0PS) bei 10.000 /min
Drehmoment 112,4 Nm bei 11.500 /min 108,0 Nm bei 8.500 /min
Schmierung Nasssumpf Nasssumpf
Kupplung Ölbad, Mehrscheiben Ölbad, Mehrscheiben
Gemischaufbereitung Elektronische Benzineinspritzung 4 Gleichdruck-Vergaser MIKUNI
Zündung Transistor (digital) Transitor (elektrisch)
Startsystem Elektrisch Elektrisch
Getriebe sequentielles Getriebe, 6-Gang klauengeschaltetes Getriebe, 6-Gang
Sekundärantrieb Kette Kette
Fahrwerk
Rahmenbauart Deltabox-Rahmen Aluminium Deltabox II Aluminium-Brückenrahmen
Federung vorn Teleskopgabel, Ø 43 mm Upsidedown Gabel, Ø 41 mm
Federweg vorn 120 mm 135 mm
Lenkkopfwinkel 24º 24º
Nachlauf 102 mm 92 mm
Federung hinten Schwinge, Zentralfederbein Schwinge, Zentralfederbein
Federweg hinten 120 mm 130 mm
Bremse vorn 2 Scheiben, Ø 320 mm 2 Scheiben, Ø 298 mm
Bremse hinten 1 Scheibe, Ø 220 mm 1 Scheibe, Ø 245 mm
Reifen vorn 120/70 ZR17M/C (58W) 120/70 ZR 17
Reifen hinten 190/55 ZR17M/C (75W) 190/50 ZR 17
Abmessungen
Gesamtlänge 2.055 mm 2.035 mm
Gesamtbreite 690 mm 695 mm
Gesamthöhe 1.150 mm 1.095 mm
Sitzhöhe 855 mm 815 mm
Radstand 1.405 mm 1.395 mm
Bodenfreiheit 130 mm 140 mm
Gewicht fahrfertig, vollgetankt 199 kg fahrfertig, vollgetankt 198 kg
Tankinhalt 17 Liter 18 Liter
Öltankinhalt 3,9 Liter 3,6 Liter

Ein riesen Dankeschön an das Motorradhaus Stocksiefen, die mir für meinen Bericht die neue R1 zur Verfügung gestellt haben. Ihr habt ein kleines Mädchen sehr glücklich gemacht 🙂 .

Einen sehr detailierten Bericht über sämtliche Features der neuen R1 hat übrigens auch Motorrad-Online geschrieben. Der Autor des Berichts, Andreas Bildl, scheint sich – ebenso wie ich – in die Maschine verliebt zu haben. Der Bericht lohnt sich auf alle Fälle. Ich habe ihn mir nach der Fahrt noch einmal durchgelsen. Das gab mir nochmal einen anderen Blick auf die Maschine und mein Fahrerlebnis.

Auch interessant ist der Überblick über die R1-Modelle von 1998 bis 2014 auf der Seite von Yamaha.

Hat hier schon Jemand erste Erfahrungen mit der neuen R1 sammeln dürfen? Ist es auch eine Liebesgeschichte geworden?

7 Kommentare

  • Hey Sandra
    Das sieht nach einem nicht selten Infekt aus den du dir da eingefangen hast. Probefahrten mit neuen Bikes sollen immer faszinieren und zum Kauf anregen. Es ist schon der Wahnsinn was sich zwischen ein paar Generationen von Motorräder so tut und wie mann/frau das spürt. Wenn du dich richtig infiziert hast wirst du eh bald einen Kaufvertrag unterschreiben.
    PS ich bin eher der Endurofahrer.
    Grüße Andreas

    • Hi Andi,
      ja, es sieht so aus, als wäre ich infiziert. Aber bei den ganzen tollen Bikes, die ich bisher schon fahren durfte, müsste ich erstmal Lotto spielen 🙂 Und mich interessiert erstmal, wie sich die Bikes auf lange Sicht verhalten. Also ein Langzeittest für die R1, das wäre schon mal was 😀 Ich würde mich da auch ganz selbstlos zur Verfügung stellen.
      PS: Ich könnte mir vorstellen, dass Du – trotz der Vorliebe für Enduros – schon kurz zucken würdest, wenn du die R1 mal fahren würdest 😀

      • Ja Spaß machen mir die ganzen Supersportler wie die R1 schon. Nur für die Straße ist mir das zu viel. Man will sie ja fordern und auf der Straße??…. Für die Rennstrecke ist das genau das richtige dort kann ein Motorrad vom Schlage einer R1 zeigen was sie kann und ihre Leistung voll ausspielen.
        Ist halt meine Meinung. Zum Glück gibt es auch andere Meinungen sonst wäre es langweilig und jeder fuhr das gleiche.

  • Ich hatte heute die Gelegenheit die neue R1 auf der Granp Prix Strecke des Nürburgring zu fahren und es hat mir sehr viel Spaß gemacht.
    Bei Modus B in der Werkseinstellung ohne individuelle Anpassungen fand ich die Gasannahme sehr sanft und von den ganzen Regelungssystemen habe ich nicht viel gemerkt. Lag wohl an meiner langsamen Fahrweise oder daran, dass ich ansonsten ohne elektrische Helferlein fahre.
    Überhaupt war die R1 viel weniger extrem als ich erwartet hätte, machte einen durschaus alltagstauglichen Eindruck. Und das gefällt mir.

    • Aaaah, der Mann, auf dessen Bericht ich schon sehnsüchtig warte 😀
      Bei mir war es nur Modus A, vielleicht hing es damit zusammen. Wie gesagt, ich wäre für einen Dauertest zu haben 😀
      Wie war sie bei Regen?

      • Modus A ist ist für die Suche nach dem letzten Zehntel auf der Rennstrecke – oder so ähnlich formulierte es Yamaha.
        Ich muss jetzt erstaml in meinem Kopf sortieren, bevor ich mit dem Schreiben anfange.

        • Das glaub ich Dir gerne 🙂 Lass mal sacken und erfreu uns dann an Deinem Erlebten.