Kevin Feil, Alpenrallye 2026 mit den Dudes of Dust — ein Erfahrungsbericht aus der Community
Eine kurze Vorbemerkung von mir
Kevin ist seit Jahren Leser von bike-addicted und er ist genau der Typ Mensch, für den ich dieses Magazin mache. Kein Vollzeit-Abenteurer, kein Instagram-Adventure-Biker, sondern jemand, der Motorräder mit echtem Gefühl fährt und der über seine Erfahrungen genauso schreibt: direkt, ehrlich und mit der nötigen Portion Selbstironie.
Er hat die Alpenrallye 2026 der Dudes of Dust gefahren und mir danach seinen Erfahrungsbericht geschickt. Ich habe ihn gelesen und musste mehrfach nicken. Vor allem in den Momenten, in denen er über Tom Possod, den Kopf hinter den Dudes, schreibt.
Tom kenne ich persönlich. Und ich kann bestätigen, was Kevin schreibt: Er ist ehrlich, bodenständig und auf eine ruhige Art unglaublich inspirierend. Er ist nicht der Typ, der dir etwas verkauft. Er ist der Typ, der dir sagt, was wirklich Sache ist, auch wenn das manchmal bedeutet, dass er dir abraten würde.
Genau deswegen möchte ich etwas sagen, bevor ihr Kevins Bericht lest: Beschäftigt euch mit dem Konzept der Dudes, bevor ihr euch anmeldet. Wer eine geführte Reise mit Rundum-Service erwartet, wird enttäuscht werden. Nicht weil die Dudes schlecht organisieren, sondern weil das schlicht nicht das ist, was sie sein wollen. Wer aber Eigenverantwortung, Freiheit und echtes Abenteuer sucht, und wer bereit ist, sich darauf einzulassen, der wird etwas mitnehmen, das man auf einer Pauschalreise nie bekommt. Und wenn ihr unsicher seid: Schreibt Tom an. Sprecht mit ihm. Er ist ehrlich genug, euch zu sagen, ob das überhaupt etwas für euch ist.
Jetzt aber zu Kevin. Sein Text braucht keine weitere Einleitung.
— Sandra
In diesem Artikel
Wie das alles begann
Eigentlich beginnt diese Geschichte nicht mit der Alpenrallye. Sie beginnt im Herbst 2024 bei Donner-Tech in Schorndorf.
Ich war damals dort, weil mich seit Jahren ein Gedanke nicht loslässt: Marokko. Nicht die klassische Hotelanlage, kein Pauschalurlaub und schon gar kein All-inclusive-Armband. Mich reizt die Wüste, der Staub, das Abenteuer und vor allem die Freiheit, die man mit solchen Reisen verbindet. Ich wollte einmal mit dem Motorrad in die Wüste, aber eben nicht in einer klassischen geführten Gruppe, bei der Zeiten, Abläufe und Pausen so eng vorgegeben sind, dass vom Abenteuer am Ende nur noch der Staub auf den Stiefeln übrig bleibt.
Dort hat Tom von den Dudes of Dust eine Infoveranstaltung moderiert. Aus meiner Sicht ist er so etwas wie der Markenbotschafter der Dudes. Der Reisende, der Erzähler, der Mensch, den man automatisch mit Fernweh, Wüste und Abenteuer verbindet. Er erzählte damals von Indien, von Reisen, von Erlebnissen und vom Konzept hinter Dudes of Dust. Wir hatten kurz die Gelegenheit, miteinander zu sprechen, und das war sehr angenehm. Kein hartes Verkaufsgespräch, kein Druck, sondern eher dieses Gefühl, dass da jemand sitzt, der wirklich etwas erlebt hat und darüber erzählen kann.
Am Ende gab er den Rat: Ich solle zuerst die Alpenrallye fahren, um das Konzept der Dudes besser zu verstehen und herauszufinden, ob das überhaupt zu mir passt. 2025 hat es zeitlich nicht geklappt. Beruflich war das nicht machbar. Im Herbst 2025 habe ich mich dann für die Alpenrallye 2026 angemeldet. Rückblickend begann damit eine Reise, die am Ende deutlich mehr mit mir selbst zu tun hatte als mit den Alpen.
Was man über mich wissen sollte
Um das Ganze einordnen zu können, muss man vielleicht etwas über mich wissen. Ich komme nicht aus dem klassischen Offroad-Bereich. Meine Welt besteht eher aus Café Racern, Ton-Up-Boys, Choppern, alten englischen Motorrädern und Maschinen, die meistens deutlich mehr Charakter als Vernunft besitzen. Mit achtzehn bin ich noch Supermoto gefahren, danach habe ich die Straße praktisch nie wieder verlassen. Ich bin also kein erfahrener Offroad-Reisender, der seit Jahren mit Softgepäck, Rallye-Jacke und Navi durch Europa fährt.
Außerdem bin ich kein Mensch für große Gruppen. Ich bin keiner, der irgendwo reinkommt und nach zehn Minuten alle Anwesenden kennt. Ich stehe eher in der dritten Reihe, beobachte und höre zu, bevor ich auf Menschen zugehe. Ich brauche Zeit. Ich habe wenige sehr gute Freunde, viele Bekannte und keinen klassischen Motorradkreis, mit dem ich regelmäßig unterwegs bin. Und genau das ist vermutlich auch der Widerspruch in mir: Ich fahre gerne allein, aber ich möchte nicht immer allein sein. Vielleicht war genau deshalb Dudes für mich interessant. Natürlich wegen Marokko, aber eben auch wegen der Menschen. Menschen mit ähnlichen Interessen treffen, Erfahrungen austauschen und vielleicht irgendwann jemanden finden, mit dem man einfach fährt.
Mit der Anmeldung begann auch die Vorbereitung. Und hier kam direkt mein innerer Schwabe ins Spiel. Wenn ich etwas ein Jahr vorher planen kann, dann plane ich es ein Jahr vorher. Wenn ich etwas drei Monate vorher kaufen kann statt drei Tage vorher, dann macht mich das glücklich. Nicht unbedingt, weil ich geizig bin, sondern weil ich Planung mag. Wobei das Sparsame wohl angeboren ist.
Ich wartete also auf Informationen, Empfehlungen für die Übernachtung, Navigationstipps und Ausrüstungsempfehlungen. Rückblickend würde ich sagen, dass vieles ausreichend war. Während der Vorbereitung und auch während der Rallye selbst hätte ich das allerdings anders beurteilt. Da war es mir teilweise zu wenig oder zu spät. Gerade die Hotelempfehlungen kamen für jemanden wie mich, der am liebsten ein Jahr vorher bucht, um den besten Preis und das schönste Hotel zu erwischen, eher spät. Für normale Menschen vermutlich kein Problem. Für einen Schwaben mit Planungsschaden schon.
Ähnlich ging es mir beim Thema Ausrüstung und Navigation. Ich wartete auf Tipps, weil ich eben nicht aus dieser Welt komme. Ich fahre normalerweise mit Protektoren Jeans und Lederjacke durch die Gegend und der Nase nach. Mehr Café Racer als Adventure Bike. Mehr Landstraße als Schotter. Und wenn man aus dieser Welt kommt, dann weiß man eben nicht automatisch, was für mehrere Tage Offroad oder Schotter wirklich Sinn macht. Klar, kommuniziert wird: ca. 3 Monate vor Start kommen die Informationen, das reicht auch. Aber man meldet sich ja eventuell 6 Monate vorher an und ist aufgeregt und WILL was tun.
Die Erfahrungsberichte von Tom fand ich gut. Sogar sehr gut. Menschen, die viel erlebt haben, höre ich gerne zu. Ich muss nicht jeden Fehler im Leben selbst machen. Wenn mir jemand sagt: „Mach das nicht, ich habe es ausprobiert und es war Mist“, dann ist das für mich wertvoll. Was mir aber manchmal fehlte, war die konkrete Ebene. Nicht nur: „Das habe ich erlebt“, sondern: „Das brauchst du wirklich, das brauchst du vielleicht, das ist eine B-Lösung und das kannst du dir sparen.“
Natürlich kann man sagen: Ein Motorradfahrer weiß doch, was er braucht. Aber genau da liegt das Problem. Ich bin Motorradfahrer, ja. Aber ich bin kein Offroad-Reisender. Ich bin nicht der Typ, der seit zehn Jahren mit Adventure-Klamotten unterwegs ist und aus Erfahrung weiß, was funktioniert. Also habe ich gemacht, was vermutlich viele machen: recherchiert, verglichen, gekauft und gehofft, dass es schon passen wird. Am Ende hatte ich unter anderem meine alte Textilkombi dabei. Auf der Straße funktioniert die hervorragend. In langsamen Offroad-Passagen war sie ungefähr so angenehm wie eine Sauna mit Reißverschluss. Ich habe geschwitzt wie verrückt, mir lief das Wasser herunter und irgendwann wurde mir klar: Die Ausrüstung war nicht grundsätzlich falsch. Sie war nur für etwas anderes gedacht. Auch das war eine Erkenntnis der Woche.
Die WhatsApp-Gruppe oder: wie man fast gar nicht erst fährt
Dann kamen die WhatsApp-Gruppen. Und hier wurde es für mich schwierig. Nicht wegen der Menschen. Sondern wegen mir selbst. Ich bin kein Forenmensch. Ich bin kein WhatsApp-Gruppen-Mensch. Ich lese lieber eine klare Information, speichere sie ab und kümmere mich darum, wenn es nötig ist. Gruppendynamiken in Chats machen mich eher wahnsinnig.
Jeder Motorradfahrer kennt vermutlich Reifendiskussionen. Diese Diskussionen beginnen irgendwann und enden eigentlich nie. Man startet mit einer simplen Frage und landet irgendwann bei Glaubenskriegen, Fahrkönnen, Reifenfreigaben und persönlichen Weltanschauungen. Dazu kamen Diskussionen über Ausrüstung, Navigation und irgendwann auch über Zusatzkanister.
Bei diesen Zusatzkanistern war bei mir ein Punkt erreicht, an dem ich innerlich ausgestiegen bin. Da wurde über Kanister diskutiert, die vermutlich irgendwo aus den Tiefen des internationalen Internets bestellt wurden und bei denen ich mir nicht sicher war, ob jemals eine europäische Tankstelle in der Produktentwicklung vorgesehen war. Und diese Dinger sollten dann ausgerechnet an den Sturzbügeln befestigt werden. Also an genau der Stelle, die bei einem Umfaller als erstes Kontakt mit dem Boden aufnimmt. Währenddessen dachte ich nur: Wir fahren Österreich, Italien und Slowenien. Keine Expedition zum Nordpol. Wir reden von Motorrädern mit teilweise über 400 Kilometern Reichweite in einem Gebiet, in dem Tankstellen nicht unbedingt selten sind.
Der nächste Höhepunkt kam wenige Tage vor der Rallye mit der Parkplatzdiskussion. Einige Teilnehmer waren bereits früher angereist und stellten fest, dass die vorhandenen Parkmöglichkeiten knapp wurden. Und plötzlich wurde diskutiert, als hätte irgendjemand versprochen, ausreichend Stellplätze für Wohnmobile, Anhänger, Transporter, Sattelschlepper und vermutlich noch eine kleine LKW-Flotte bereitzustellen. Dabei gab es aus meiner Sicht eher eine Möglichkeit zum Parken, aber keine Garantie auf ein logistisches Großkonzept für 120 Teilnehmer mit kompletter Fahrzeugflotte.
Ich saß irgendwann vor meinem Handy und fragte mich ernsthaft: Was macht ihr da eigentlich? Und noch wichtiger: Was mache ich hier eigentlich? Das war der Moment, an dem ich kurz davor war, die Sache innerlich komplett abzuhaken. Nicht aus Wut. Nicht aus Enttäuschung. Einfach aus Genervtheit. Ich hatte das Gefühl, in etwas hineingeraten zu sein, das gar nicht meine Welt ist. Der Gedanke war ungefähr: Behaltet mein Geld, lasst mich in Ruhe, ich komme nicht.
Zum Glück habe ich auf diesen Impuls nicht gehört.
Vor Ort: Menschen sind besser als Gruppenchats
Dann kam die Anreise. Und wie so oft im Leben waren die Menschen vor Ort deutlich angenehmer als die Dynamik in der WhatsApp-Gruppe. Trotzdem hätte ich mir irgendwo eine Begrüßungsrunde gewünscht. Einfach einmal die Menschen sehen, Namen hören, ein Gefühl bekommen, wer überhaupt dabei ist. Gleichzeitig wurde mir aber relativ schnell klar, dass das bei rund 120 Teilnehmern kaum realistisch umzusetzen ist. Die Leute reisten unterschiedlich an, manche waren schon da, andere kamen später, manche waren unterwegs, andere beim Training, wieder andere auf Kaffeefahrt. Ich habe tatsächlich Teilnehmer am letzten Tag zum ersten Mal bewusst wahrgenommen. Das sagt eigentlich schon alles.
Der Sonntag war für mich etwas wirr. Die einen waren beim angebotenen Training von MotoSkill, was ich grundsätzlich ein klasse Thema fand. Andere waren unterwegs, ein Teil fuhr auf Kaffeefahrt und irgendwie verteilte sich alles in verschiedene Richtungen. Mir war das an diesem Tag ehrlich gesagt etwas zu viel. Zu viel Bewegung, zu viel Adrenalin, zu viel Motorradtrubel auf einmal. Also blieb ich zurück und dachte mir, ich kümmere mich lieber um meine Ausrüstung und Organisation.
Dabei traf ich Marvin. Und Marvin verdient eine eigene Erwähnung.
Für mich war Marvin die stille Kraft im Hintergrund. Ruhig, unauffällig, fast schon introvertiert in meiner Wahrnehmung, aber gefühlt hatte der Mann alles im Griff. Er war nicht laut, nicht aufdringlich, nicht der Typ, der sich in den Mittelpunkt stellt. Aber wenn etwas nicht funktionierte, war er da.
Für die Rallye gab es Challenges über die Cardo-App. Natürlich hatte ich die App zu spät installiert. Natürlich mit der falschen E-Mail-Adresse. Natürlich musste ich alles wieder löschen und neu installieren. Völlig professionelles Vorgehen meinerseits. Marvin kümmerte sich trotzdem darum und sorgte dafür, dass ich am Montagmorgen freigeschaltet war. Womit er allerdings nicht gerechnet hatte, war meine Fähigkeit, Apps auf Arten falsch zu benutzen, die vermutlich statistisch kaum erfassbar sind.
Montag
Dann kam Montag. Und Montag war schwierig.
Nicht wegen der Strecken. Nicht wegen der Organisation. Sondern wegen meiner Wahrnehmung und wegen der Gruppe. Große Gruppen, viele Menschen, viele Motorräder und viele unterschiedliche Fahrstile. Ich merkte relativ schnell, dass manche Motorradfahrer einfach nicht meine Welt sind. Diese Fahrer zum Beispiel, die bergauf im Gegenverkehr überholen, als würden sie gerade die Isle of Man gewinnen wollen, um zwei Kehren später bergab wieder völlig normal unterwegs zu sein. Das meine ich nicht böse, aber es ist einfach nicht mein Stil. Meine Risikobereitschaft endet dort, wo andere gefährdet werden.
Ich will auch klar sagen: Es waren keine Vollkatastrophen dabei. Niemand, dem ich die Eignung zum Führen eines Kraftfahrzeugs absprechen würde. Aber es waren Fahrstile dabei, bei denen ich wusste: Das passt für mich persönlich nicht.
Montagabend telefonierte ich mit einer Freundin, mit der ich ursprünglich über Marokko gesprochen hatte. Und da war mein Urteil eigentlich gefällt. Marokko mit den Dudes? Nein. Für mich war die Sache an diesem Abend erledigt. Zumindest dachte ich das.
Zwei Tage allein – selbst schuld
Dienstag und Mittwoch war ich dann fast ausschließlich alleine unterwegs. Rückblickend war das vermutlich mein größter Fehler. Nicht weil ich Alleinfahren nicht mag. Im Gegenteil. Ich liebe Alleinfahren. Aber durch meine eigene Art wurde daraus fast automatisch Isolation. Ich spreche Menschen nicht einfach an. Ich dränge mich nicht in Gruppen. Ich will niemandem zur Last fallen oder im Weg stehen. Und bei 120 Teilnehmern, drei unterschiedlichen Routen pro Tag und ständig wechselnden Konstellationen war die Wahrscheinlichkeit, jemanden zufällig kennenzulernen, ungefähr auf Lotto-Niveau.
Nach dem späteren Gespräch mit Tom habe ich das besser verstanden. Bei Marokko sitzt man zwei Tage gemeinsam auf der Fähre. Da entstehen Gespräche automatisch. Man sieht sich, man isst zusammen, man wartet zusammen, man hat Zeit. Bei der Alpenrallye ist das komplett anders. Jeder startet, wann er will. Jeder fährt die Route, die er will. Jeder kommt an, wann er will. Checkpoints sind zwar eine gute Idee, aber auch dort sind nicht alle erschienen trotz Vorgabe. Viele, die in Kleingruppen unterwegs waren, haben die Checkpoints teilweise auch ignoriert oder nur kurz mitgenommen. Für jemanden wie mich, der nicht automatisch auf Menschen zugeht, war das schwierig.
Wenn ich ein oder zwei Leute anspreche und daraus eine gemeinsame Fahrt entstehen soll, dann müssen diese Menschen auch noch zufällig dieselbe Route fahren. Bei drei möglichen Routen pro Tag wird das irgendwann mathematisch unromantisch. Man kann es schönreden, aber die Wahrscheinlichkeit war einfach überschaubar. Dadurch wurde das Alleinfahren fast schon zum zwangsläufigen Ergebnis meiner eigenen Art.
Dann kam noch OsmAnd dazu. Vielleicht hätte ich die Anleitung lesen sollen. Vielleicht hatte Tom irgendwann geschrieben, man solle die App vorher testen und damit zur Arbeit fahren. Vielleicht bin ich aber auch einfach ein Mann und dachte: Das geht schon. Ging es nicht. Zumindest nicht so, wie ich es wollte, was mir diverse Irrfahrten auch belegten. Frust war vorhanden.
Der abendliche Checkpoint sorgte für Klarheit und ein anderer Dude erklärte mir dann seine Herangehensweise. Und plötzlich funktionierte alles. Kompletter Gamechanger. Was vorher kompliziert und nervig war, wurde auf einmal logisch. Er fragte mich sogar, ob wir gemeinsam fahren wollen. Und ich lehnte ab. Weil ich niemandem im Weg stehen wollte. Heute würde ich sagen: Das war vermutlich der größte Fehler des Tages.
Ein weiterer Lichtblick und wichtiger Pfeiler auf dem Weg war Anton, Dirtbag on Wheels. Er war als Fotograf dabei. Wir hatten nur ein kurzes Gespräch, aber es war sofort angenehm. Weltenbummler, aber bodenständig. Einer, der viel gesehen hat, aber nicht so tut, als müsse er dir die Welt erklären. Anton überzeugte mich, die lange Offroad-Route zu fahren, die ich ursprünglich gar nicht fahren wollte. Rückblickend war genau das eine der besten Entscheidungen der Woche.
Das Gespräch, das alles verändert hat
Donnerstag suchte ich dann das Gespräch mit Tom. Eigentlich wollte ich zehn Minuten mit ihm sprechen. Daraus wurde fast eine Stunde. Und plötzlich ergaben viele Dinge Sinn. Vor allem beim Thema Unterstützung.
Während der Woche hatte ich immer wieder das Gefühl gehabt, dass irgendwo ein Sicherheitsnetz fehlt. So eine Joker-Karte. Dieses Gefühl, dass man im Notfall jemanden anruft und irgendwo kommt MacGyver um die Ecke. Nicht mit Anhänger, Rundum-Sorglos-Paket und Vollkasko-Abenteuer. Aber mit einer Idee, einem Kontakt, einer Richtung. Gerade weil ich am Rand von Pannen und Problemen anderer Teilnehmer gehört hatte, beschäftigte mich dieses Thema. Es gab Situationen, bei denen Teilnehmer wohl das Gefühl hatten, die Dudes müssten sich stärker einschalten. Ich habe das nur am Rand mitbekommen und will es deshalb nicht bewerten. Am Ende kamen alle heil nach Hause und das Material irgendwie auch. Aber in mir arbeitete die Frage: Wie wäre das in Marokko?
Denn in Marokko möchte ich genau diese Hilfe im Hinterkopf wissen. Nicht weil ich hoffe, dass ich eine Panne habe. Sondern weil ich wissen will, was passiert, wenn meine eigene Improvisation irgendwann aufhört. Wenn nichts mehr geht. Wenn ich da stehe und wirklich nicht mehr weiterweiß. Dann möchte ich nicht hören: „Tja, schwierig, schau mal, wie du heimkommst.“ Dann möchte ich das Gefühl haben: Ich rufe an, und irgendwo wird eine Lösung gefunden. Vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht bequem, aber irgendwie.
Tom erklärte mir diesen Unterschied. Und dieses Gespräch änderte meine Sichtweise. Mir wurde klar, dass ich die ganze Zeit etwas anderes erwartet hatte als das, was die Dudes eigentlich sein wollen. Sie erwarten Selbstständigkeit. Improvisation. Eigenverantwortung. Flexibilität. Und wenn ich ehrlich bin, hatten sie das nie versteckt. Ich hatte es nur noch nicht vollständig verstanden.
Während der Woche dachte ich manchmal: Warum machen sie nicht mehr? Warum ziehen sie nicht öfter diese Joker-Karte? Warum gibt es keinen Anhänger, der notfalls Motorräder einsammelt? Nach der Rallye wurde mir klar: Weil es sonst irgendwann etwas anderes wird. Dann wird es eine Pauschalreise. Und genau das soll es eben nicht sein. Ich verstehe heute besser, dass man sich als Teilnehmer damit auseinandersetzen muss. Das Konzept funktioniert nur, wenn die Teilnehmer selbstständig bleiben. Wenn jeder erwartet, dass jedes Problem sofort zum Problem der Organisation wird, kippt das ganze Ding. Und aus dem Ziel Abenteuer wird doch eine Pauschalreise.
Trotzdem hätte ich mir persönlich dieses kleine doppelte Netz gewünscht. Einfach dieses Gefühl, dass da im äußersten Notfall noch etwas kommt. Aber ich verstehe heute besser, warum es nicht ständig sichtbar sein kann. Und wenn das stimmt, was mir mehrere Teilnehmer erzählt haben, nämlich dass in Marokko der Zusammenhalt noch einmal deutlich größer ist, dann kann ich mir inzwischen sehr gut vorstellen, dass dieses Konzept dort sogar besser funktioniert als bei der Alpenrallye.
Tom ist aus meiner Sicht ein hervorragender Markenbotschafter. Das Gesicht der Dudes. Der Typ, den man automatisch mit Reisen, Abenteuer, Fernweh und Wüste verbindet. Und ja, Marketing kann er. Sehr gut sogar. Das weiß er vermutlich auch. Aber in diesem Gespräch hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass er mir etwas verkaufen möchte.
Natürlich bin ich nicht naiv. Da hängen Reisen dran, Mitarbeiter, Jobs und ein Unternehmen. Natürlich muss er Menschen für das begeistern, was Dudes macht. Das ist völlig legitim. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass auch nur eine Silbe falsch war oder nur gesagt wurde, um mich zu ködern. Ganz im Gegenteil. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Tom mir genauso ehrlich gesagt hätte: „Lass es. Das ist nichts für dich.“ Genau deshalb habe ich ihm geglaubt. Er sagt, was er denkt. Und das rechne ich ihm hoch an.
Die Silberrücken
Nach diesem Gespräch begann ich plötzlich, die Teilnehmer anders wahrzunehmen. Vorher war ich viel zu sehr bei mir selbst, bei dem, was mich stört, bei dem, was nicht passt, bei meiner eigenen inneren Abwehr. Danach habe ich mehr beobachtet. Und dann fielen mir die Silberrücken auf.
Diese Typen, die völlig unspektakulär irgendwo auftauchen, ihre Motorräder abstellen und kein großes Aufsehen um sich machen. Die Motorräder hatten mehr Aufkleber als der Wanderstock meines Opas Etiketten. Die Dudes dahinter hatten vermutlich alles gesehen, was man auf zwei Rädern sehen kann. Sand, Schotter, Steine, Staub, Hitze, Regen und vermutlich auch Dinge, bei denen ich schon beim Zuschauen einen Kaffee gebraucht hätte.
Und die ganze Woche über waren sie nie laut. Keine Show. Kein Drama. Keine Diskussionen. Einfach ihr Ding gemacht. Die mussten niemandem mehr etwas beweisen. Genau das fand ich beeindruckend. Geile Typen.
Am Freitagmorgen saß ich dann beim Frühstück mit einem weiteren Dude aus dem Orga-Team. Ich glaube, es war Norbert. Falls ich den Namen jetzt falsch im Kopf habe, entschuldige ich mich direkt. Er war Marokko schon gefahren und als ich erzählte, dass mich genau dieses Thema beschäftigt, waren wir sofort mitten im Gespräch. Über Vorbereitung, Fahrtechnik, Motorrad, Fehler und Dinge, die man lieber vorher weiß. Auch das war wieder so ein Moment, der mich mitgenommen hat. Kein großes Blabla, sondern Erfahrung aus erster Hand. Genau solche Gespräche sind für mich wertvoll.
Was ich heute wirklich denke
Heute, einige Tage nach der Rallye, sind meine Gedanken deutlich sortierter als während der Woche. Während der Rallye war ich teilweise genervt, unsicher und innerlich immer wieder auf Rückzug. Im Nachgang sehe ich vieles anders. Nicht alles war perfekt. War es nicht. Nicht alles hat mir gefallen. Hat es nicht. Aber ich verstehe inzwischen besser, was ich dort eigentlich gesehen habe.
Vor der Alpenrallye wollte ich herausfinden, ob die Dudes zu mir passen. Während der Woche dachte ich zeitweise, die Antwort sei klar: nein. Heute stelle ich mir eine andere Frage. Nicht mehr: Taugt das Dudes-Konzept? Sondern: Traue ich mir Marokko zu?
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Das Konzept funktioniert. Es ist nachvollziehbar. Es ist konsequent. Und vor allem ist es ehrlich. Es verspricht nicht, dass dir jemand jeden Stein aus dem Weg räumt. Es erwartet, dass du selbstständig bist, improvisierst und Verantwortung übernimmst und sich eine Gruppendynamik bildet. Genau das hat mich während der Woche durch Gespräche wahrscheinlich gestört. Und genau das ist im Nachhinein vermutlich der Punkt, an dem ich es verstanden habe.
Was ich übrigens fast schon bewundern muss: Marketing können sie. Am Ende der Rallye bekommt jeder Teilnehmer einen Rabattgutschein für das nächste Abenteuer mit den Dudes. Rein betriebswirtschaftlich betrachtet natürlich clever. Rein schwäbisch betrachtet fast schon perfide. Denn plötzlich läuft eine Uhr. Jetzt habe ich vier Wochen Zeit, mich zu entscheiden. Und wie jeder ordentliche Schwabe weiß: Wenn irgendwo Geld gespart werden kann, wird gerechnet. Mehrfach. Mit Excel. Und vermutlich noch einmal mit dem Taschenrechner zur Kontrolle.
Die eigentliche Frage sitzt inzwischen auf meiner Seite des Motorrads. Bin ich bereit dafür? Nicht die Dudes. Nicht das Konzept. Nicht Tom. Ich.
Der gefährlichste Satz der Woche
Und wenn ich ganz ehrlich bin, war die Entscheidung vermutlich ohnehin schon früher gefallen. Irgendwann im Gespräch meinte Tom sinngemäß: „Mit der Tuareg kannst du das schon fahren. Aber Spaß macht das nicht. Da brauchst du etwas anderes.“
Und genau da hatte er mich.
Nicht wegen Marokko. Nicht wegen der Wüste. Nicht wegen der Dudes. Sondern weil er mir plötzlich einen vollkommen nachvollziehbaren, logischen und nahezu unangreifbaren Grund geliefert hatte, ein weiteres Motorrad zu kaufen.
Und ich glaube, jeder Motorradfahrer versteht genau, wie gefährlich so ein Satz sein kann. Denn seitdem ertappe ich mich dabei, Anzeigen anzuschauen, technische Daten zu vergleichen und mir einzureden, dass das natürlich keine spontane Kaufidee ist. Sondern Vorbereitung. Schließlich geht es hier um Sicherheit, Fahrbarkeit und die richtige Ausrüstung für ein anspruchsvolles Abenteuer.
Zumindest ist das die Geschichte, die ich aktuell meinem Konto erzähle.





Über die Dudes of Dust
Die Dudes of Dust sind kein klassischer Reiseveranstalter. Gegründet und geführt von Tom Possod, stehen sie für ein Konzept, das sich bewusst zwischen den Polen positioniert: zu wild für den geführten Touristentripp, zu organisiert für die komplette Eigenexpedition. Roadbook, tägliche Checkpoints und Routenempfehlungen schaffen einen Rahmen — was die Teilnehmer daraus machen, liegt bei ihnen selbst. Wenige Regeln, maximale Freiheit, und so viel oder so wenig Gemeinschaft wie man möchte.
Tom Possod organisiert seit Jahren Motorradreisen in Afrika, Asien und Europa. Das Prinzip der Dudes: Eigenverantwortung, Improvisation, Selbstständigkeit. Wer das mitbringt — oder bereit ist, es zu lernen — wird mit Abenteuern belohnt, die man auf einer Pauschalreise schlicht nicht bekommt.
Aktuelle Rallyes: Alpen, Balkan, Tunesien, Marokko, Dakar.
Mehr Infos: dudesofdust.com
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Kevin hat mir seinen Bericht einfach geschickt. Und ich freue mich sehr, dass er das getan hat.
Genau dafür ist bike-addicted.de da: für echte Geschichten von echten Motorradfahrern. Kein Hochglanz, keine Pressetexte, sondern das, was wirklich passiert, wenn man losfährt. Ob Reisebericht, Erlebnis, persönliche Erkenntnis oder einfach eine Geschichte, die du loswerden willst: Schreib mir. Wenn der Text zu bike-addicted.de passt, veröffentlichen wir ihn. Mit deinem Namen, deinen Bildern, deiner Stimme.
Und wem die Frage „Traue ich mir Marokko zu?“ bekannt vorkommt: Ich stelle sie mir gerade auch. Folgt mir auf meiner eigenen Reise dahin: Von Null auf Marokko →
— Sandra



