Kein Tag läuft normal. Ich trainiere trotzdem

Honda Dominator Marokko

Von Null auf Marokko, Teil 1: Warum der Kopf vor dem Körper dran glauben muss

Ich stehe morgens auf und weiß nicht, was der Tag bringt. Nicht weil ich unorganisiert bin. Sondern weil mein Alltag aktuell einfach keinen Puffer kennt.

Einer meiner Twins kämpft seit zwei Jahren Jahren mit einer chronischen Darmerkrankung. Was das bedeutet, versteht man erst, wenn man mittendrin steckt. Es bedeutet nicht nur Arzttermine, Klinikaufenthalte und Medikamente. Es bedeutet eine Essstörung, die damit einhergeht. Gewichtsprobleme. Depressive Phasen. Einen Schulalltag, der regelmäßig kollabiert. Meltdowns, die keinen Kalender kennen. Emotionale Begleitung, die täglich alles gibt und trotzdem nie genug sein kann. Dazu aktuell eine im Raum stehende ADHS-Diagnostik, die neue Antworten bringt und neue Fragen. Mein zweites Kind entwickelt seit kurzem Migräne und braucht ebenfalls Support. Parallel dazu: Vollzeitjob, nebenberufliche Selbständigkeit, und der tägliche Versuch, mich selbst nicht komplett zu verlieren.

Das ist mein Leben. Nicht als Beschwerde. Sondern als Kontext, den ich benennen muss, damit der Rest dieses Beitrags Sinn ergibt.

Warum ich das alles trotzdem mache

Im April 2027 will ich nach Marokko. Auf meiner alten Honda Dominator, die ich mir wieder besorgen möchte. Für einen Traum, den ich schon viel zu lange vor mir herschiebe.

Wer den Jahresrückblick gelesen hat, kennt die Geschichte. Für alle anderen: Martin war mein Ziehvater. Er starb mit Anfang 50 an einem Herzinfarkt. Unser gemeinsamer Traum war Marokko. Ich hole ihn jetzt nach, mit ihm im Gepäck.

Dieses Warum ist nicht motivierend im klassischen Sinne. Es ist nicht das, was mich morgens mit Begeisterung aus dem Bett treibt. Es ist das, was mich weitermachen lässt, wenn ich eigentlich keine Kapazität mehr habe. Es zieht. Auch dann, wenn alles andere zieht.

Warum ich immer aufgehört habe

Ich bin nicht das erste Mal angetreten. Ich habe schon öfter angefangen zu trainieren. Und ich habe immer aufgehört.

Lange habe ich das Faulheit genannt. Oder Zeitmangel. Oder fehlende Disziplin. Irgendwann habe ich aufgehört, mir selbst diese Erklärungen abzukaufen und angefangen, ehrlicher hinzuschauen.

Das Muster, das ich dabei gefunden habe, hat einen Namen: Vermeidung. Wenn etwas unbequem wird, schwer, potenziell überfordern könnte, steigt mein Kopf aus, bevor mein Körper überhaupt protestiert. Das ist kein Charakterfehler. Das ist ein Schutzmechanismus. Einer, der in einem Leben wie meinem auch Sinn macht. Aber einer, der mich gleichzeitig daran hindert, die Dinge durchzuziehen, die mir wichtig sind.

Den Begriff dafür und das Werkzeug, damit umzugehen, hat mir Irene Seidlers Buch „Kopfsalat – Mentaltraining für Motorradfahrer und Lebensmutige“ gegeben. Es geht darin nicht um Motivationstricks. Es geht darum zu verstehen, wie der eigene Kopf funktioniert und was passiert, wenn man aufhört, dagegen zu arbeiten, und anfängt, damit zu arbeiten. Ich habe das Buch rezensiert, weil es mich wirklich erwischt hat. Den Link findet ihr hier.

Ich hatte nicht das Disziplin-Problem. Ich hatte das Selbstkenntnis-Problem.

Kein Trainingsplan. Ein Roadbook.

Was ich dieses Mal anders gemacht habe: Ich habe aufgehört, nach einer Routine zu suchen, die in mein Leben passt. Ich habe stattdessen nach jemandem gesucht, der versteht, was mein Leben ist.

Ich habe mit Selina gearbeitet, einer Trainerin, die nicht nur Ahnung von Ernährung und Training hat, sondern die meinen Kontext wirklich versteht. Sie ist selbst Dreifach-Mama, arbeitet, macht sich nebenbei selbständig, hat ein Kind mit ADHS. Sie weiß, was es bedeutet, wenn kein Tag normal läuft. Sie weiß, was Perimenopause mit dem Körper macht und warum Frauen aufhören zu trainieren, wenn sie nach Männerplänen trainieren.

Herausgekommen ist kein Stundenplan, sondern ein Roadbook. Zwei bis dreimal die Woche Krafttraining, Bewegung und Spaziergänge wann immer es geht, dazu das Reiten. Nichts davon ist Neuland. Aber zum ersten Mal ist es so gebaut, dass es zu mir passt statt gegen mich.

Dazu gehört auch: Mein Körper funktioniert nicht jeden Tag gleich. In manchen Zyklusphasen kann ich pushen. In anderen braucht mein Körper Pause und das ist keine Niederlage, das ist Physiologie. Wer das ignoriert, bricht ab. Ich ignoriere es nicht mehr.

Was mich dabei zusätzlich unterstützt, ist KI. Nicht als Ersatz für Selinas Plan, sondern als Werkzeug drumherum. Ich kann nachfragen, anpassen, verstehen warum etwas so gebaut ist wie es ist. Einfach einen Sparringspartner, der rund um die Uhr verfügbar ist und mir hilft, meinen Plan zu verstehen statt ihn blind abzuarbeiten.

Was mich gerade wirklich umtreibt

Ich wäre nicht ehrlich, wenn ich so täte, als wäre das alles gerade leicht.

Die Angst, wieder abzubrechen, ist real. Ich kenne mein Muster. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Alltag kommt und das Training als erstes fällt. Wenn ein Kind einen schlechten Tag hat und ich abends nichts mehr geben kann. Wenn die Arbeit zieht und das schlechte Gewissen kommt, weil ich für mich Zeit nehme, die ich woanders bräuchte.

Gleichzeitig weiß ich jetzt etwas, das ich vorher nicht wusste: Wenn ich mich selbst weglasse, helfe ich niemandem. Nicht meinen Kindern. Nicht meinen Kollegen oder Kunden. Nicht Martin.

Marokko 2027 ist nicht verhandelbar. Das bedeutet, die Vorbereitung ist es auch nicht. Nicht weil ich unbedingt sportlich werden will. Sondern weil ich durch die Wüste muss und dafür brauche ich einen Körper und einen Kopf, der das trägt.

Ich dokumentiere das hier. Die Fortschritte. Die Rückschläge. Die Tage, an denen es nicht klappt. Und die, an denen es doch klappt.

Nicht für Likes. Sondern weil ich mich damit selbst in die Pflicht nehme. Und weil ich weiß, dass da draußen Frauen sind, die dasselbe kennen dieses Gefühl, dass für alles Zeit ist, nur nicht für einen selbst.

Für die schreibe ich das hier.

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